Der Feldhase, eine Leitart unserer Niederwildreviere

Alle Reviere der Hegegemeinschaft Büdingen Nord sind Niederwildreviere und im Katalog der vorkommenden Wildarten ist der Hase ebenso enthalten wie Rebhuhn, Ente, Gans, Fasan, Taube, Reh und Wildschwein.

Im Rahmen der Bearbeitung des Lebensraumgutachtens Teil A müssen zu allen vorkommenden Wildarten Aussagen zu ihrem Vorkommen, den Chancen und Risiken ihres Wohlbefindens (die EU nennt das "günstigen Erhaltungszustand") und ihrer Zukunft als heimische Wildart erarbeitet werden.

 

Für den Einstieg bietet es sich an, die Hasenpopulation genauer zu betrachten. Eine Betrachtung im aktuellen Zeitfenster würde aber der Aufgabe nicht gerecht, denn ohne das Wissen um die Vergangenheit, kann die Gegenwart nicht bewertet, sondern nur beschrieben werden.

 

Früher, bis zu Beginn der 80`er Jahre, war der Hase eine der Hauptwildarten in unseren Niederwildrevieren. Wir wissen aus der damaligen Zeit aber nicht, wieviele Hasen es denn gab, sondern können nur Rückschlüsse auf die Hasendichte anstellen, indem die Streckenergebnisse betrachtet werden.

Dies ist übrigens bei den meisten unserer freilebenden Wildarten der Fall. Erst die Streckenmeldungen am Jahresende zeigten in konkreten Zahlen, ob es ein gutes oder ein schlechtes Hasenjahr war.

Daraus kann natürlich nicht der Schluß gezogen werden, dass in allen Revieren erstmal munter gejagt wurde, um dann anhand der Streckenergebnisse festzustellen, dass nur wenige Hasen da waren.

Die Jäger beobachteten jedes Jahr sehr intensiv den Hasenbesatz im Jahresverlauf und wußten zu Beginn der herbst- und winterlichen Jagden relativ genau, ob es genug Hasenzuwachs gegeben hat, um eine große oder eine kleine Hasenjagd zu planen. Keine Hasenjagd gabe es eigentlich nie, denn es waren immer genug Hasen da, nur die Bejagungsintensität wurde immer angepaßt.

Die große Jagd war in jeder Gemeindejagd ein Höhepunkt des dörflichen Lebens, denn es wurden ja viele Treiber gebraucht. Auf jeden Schützen kamen mindestens zwei, oft drei oder mehr Treiber. Es war für die Leute aus den Dörfern auch ein großer Spaß, als Treiber gebeten zu werden, denn es winkte nicht nur der Belohnungshase, sondern auch ein schönes Schüsseltreiben am Abend des Jagdtages.

 

Anfang der 80`er Jahre brachen die Hasenbesätze plötzlich ohne erkennbare Ursache zusammen. Die Streckenergebnisse (Quelle: Wetteraukreis) zeigen diesen Zusammenbruch deutlich:

Hasenstrecken im Wetteraukreis seit 1974

Jahr Hasenstrecke
1974 17.715
1975 11.530
1980 1.702
1983 4.970
1990 4.971
2000 852
2001 604
2002 473
2004 1.296
2005 1.474
2006 1.219
2007 1.471
2008 161
2009 772

Diese Streckenergebnisse spiegeln die Verhältnisse in ganz Deutschland wieder und die Jäger waren völlig ratlos, welche Ursachen zu diesem Rückgang der Hasenbesätze geführt haben könnten. Unsere Akten im Archiv sind voller Details zu vermuteten Ursachen wie der Einführung einer neuen Rapssorte, dem Einfluß der Raubvögel oder der Intensivierung der Landwirtschaft infolge der großen Flurbereinigungen.

Die Bejagung des Hasen wurde nahezu eingestellt. Es gab zwar immer noch einige Reviere, in denen es besser war, aber nach und nach wurden keine Hasenjagden mehr durchgeführt. Ich kann mich noch gut als Treiberbub an die letzte Hasenjagd in Altwiedermus erinnern, bei der keiner der Jäger mehr einen Hasen schießen wollte, weil so wenige vorgekommen sind.

Die Streckenergebnisse zeigen seit dem die Hasenpopulation nur noch unzureichend, denn die Jäger hegten die Hasen und bejagten sie bis auf ein paar Weihnachtshasen nicht mehr.

Die tatsächliche Hasenpopulation wurde seit dem nicht mehr dokumentiert und die alten Hasenkenner unter den Jägern sind mittlerweile nicht mehr aktiv.

Im Herbst 2000 wurde daher das Wildtier-Informationssystem der Länder Deutschlands (WILD, siehe auch http://www.tiho-hannover.de/index.php?id=wild sowie http://www.jagdnetz.de/wild) vom Deutschen Jagdschutzverband ins Leben gerufen. Ziel dieses langfristigen Projektes ist die bundesweite Erfassung ausgewählter Wildtierarten mit wissenschaftlichen Methoden, um künftig über abgesichertes Datenmaterial zu verfügen.

 

Um für unsere Reviere vergleichbares Datenmaterial zu bekommen, verwenden wir für die Erfassung der Feldhasenbesätze die Methoden von WILD und zählen die Hasen entlang von festgelegten Zählstrecken jeweils in Frühjahr und im Frühwinter. Im Frühjahr sehen wir, wieviele Hasen den Winter überstanden haben und für einen neuen Vermehrungszyklus zur Verfügung stehen. Im Frühwinter zeigt uns das Zählergebnis, wieviele Hasen in diesem Jahr dazugekommen sind und von den Althäsinnen erfolgreich großgezogen wurden.